Ein Deggendorfer Ort der Demokratiegeschichte: Im Sitzungssaal des ehemaligen Landratsamtes

Am 18. März 2026 fand der erste bundesweite „Tag der Demokratiegeschichte“ statt. Er wurde ausgeschrieben von der erst 2021 in Frankfurt am Main errichteten „Bundesstiftung Orte der Deutschen Demokratiegeschichte“, richtete sich an die Breite der bundesdeutschen Gesellschaft und wurde auch in Bayern von einigen Vereinen und Einrichtungen durchgeführt. In Niederbayern waren dies zum einen das neue Forschungs- und Reflexionslabor für Demokratiebildung vom Passauer Lehrstuhl für das Politische System der Bundesrepublik und Politische Bildung, zum anderen eine Schülergruppe der Klasse 8b des Robert-Koch-Gymnasiums unter der Leitung von StD Dr. Christian Bauer in Zusammenarbeit mit dem Geschichtsverein für den Landkreis Deggendorf unter Leitung von OStR Dr. Ernst Schütz. Im Fokus der Operation stand hier ein bislang kaum bekannter Deggendorfer Ort der Demokratiegeschichte, nämlich der ehemalige Sitzungssaal im alten Landratsamt aus der Zeit vor der Gebietsreform – heute Sitz des Finanzamtes. Inhaltlich verbunden wurde die Wahl dieses Ortes mit der ersten demokratischen Direktwahl des Deggendorfer Landrates am 30. März 1952.

Die Anregung zur Gestaltung dieses Projekts wurde von der Klasse 8b gern aufgegriffen, obwohl die Themenstellung doch sehr abstrakt ist und in ihrem Geschichtsunterricht nicht vorkommt. Mehrere Recherchemöglichkeiten im Archiv des Landratsamts, das Kreisheimatpfleger Florian Jung zur Verfügung gestellt hatte, wie auch im Stadtarchiv Deggendorf wurden eifrig und interessiert genutzt. Die Hauptarbeit bestand aber in der Auswertung der Landtagsdebatte über die Einführung des Wahlrechts der Landräte, die ganz unterschiedliche Positionen quer durch die Fraktionen zu Tage förderte. Sie reichte von der Rückkehr zum „gottähnlichen“ Bezirksamtmann bis hin zu der Forderung, dass der Landrat „ein Kerl sein muss, kein Jurist“, der mit dem „Leben auf Du und Du steht“; eine Formulierung, die Landrat Sibler sehr amüsierte, obwohl die Position im Grunde seinem Amtsverständnis entspricht, wie er vorher ausgeführt hatte. Die Frage war auch, wie viel Vernunft man dem Volk zutraut, alte Nazis an der Rückkehr in die Politik zu hindern. Letztlich wurde aber doch zugunsten einer Wahl durch das Volk entschieden. Die kontroversen Positionen wurden vom Referat der Schüler nachgezeichnet, wobei den Abgeordneten mittels KI eine neue Stimme gegeben wurde. Zuerst hatte die Schülerin Veronika Jantsch in einem kurzen Filmbericht die Geschichte des heutigen Finanzamts als Sitz des herzoglichen Pflegers seit dem Mittelalter referiert; außerdem hatte sie ein Gespräch mit Landrat Bernd Sibler über das Amt und seine Herausforderungen geführt. In einem abschließenden zweiten Film informierte Noah Schrittenlocher über den Landrat Ludwig Heigl und die Schwierigkeiten, mit denen dieser bis 1963 zu kämpfen hatte.

Sowohl mit Blick auf die Anwesenheit zahlreicher Besucher als auch auf die Würdigung dieser im Wortsinne „reifen“ Leistung der Achtklässler fiel die Bilanz durch die Bank positiv aus: Neben Landrat Sibler lobte Hausherr Nicolai Löwinger dieses hochinnovative Herangehen an die Geschichte durch die nächste Generation, wobei er selbst noch vieles gelernt habe. Der Vorsitzende des Verbandes bayerischer Geschichtsvereine, Dr. Michael Stephan, zeigte sich beeindruckt von dem wiederholten gemeinsamen Engagement von Geschichtsverein und Schülern, während der Vorsitzende des Bayerischen Geschichtslehrerverbands, Hubert Loeser, mit Bewunderung und Nachdruck auf den Wert des hier Geleisteten für unsere Gesellschaft hinwies. Schütz stellte schließlich für den Geschichtsverein heraus, dass Gesellschaft und Geschichte nie nur im „großen Ganzen“ zu denken seien, sondern immer konkret vor Ort erfahren werden müssen, um für die Menschen nachvollziehbar zu bleiben; zudem sei Deggendorf damit einmal mehr auf die Landkarte gesetzt worden: Wen die Neugierde gepackt hat, der kann selbige einsehen auf der gleichfalls noch jungen Homepage oben genannter Bundesstiftung unter https://tag-der-demokratie-geschichte.de/#veranstaltungen.
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Fotos: Sabine Süß, Hengersberg (Gruppenbild) und Steffi Finkl, Deggendorf

Ein Deggendorfer Ort der Demokratiegeschichte: Im Sitzungssaal des ehemaligen Landratsamtes
Ein Deggendorfer Ort der Demokratiegeschichte: Im Sitzungssaal des ehemaligen Landratsamtes
Ein Deggendorfer Ort der Demokratiegeschichte: Im Sitzungssaal des ehemaligen Landratsamtes
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